Fritz O. Hunold
Mit Hammer und Meißel?
Moderne Bearbeitungsspuren im Ägyptischen Museum in Kairo

Die Vergangenheit Ägyptens ist für viele immer noch eines der rätselhaftesten Kapitel unserer Weltgeschichte. Ganze Armeen von Wissenschaftlern untersuchen seit Jahrhunderten die Reste dieser Kultur. Vieles liegt noch unter Wüstensand verborgen, oder wurde schon vor langer Zeit außer Landes gebracht, sei es nun als Geschenk des jeweiligen Herrschers, als legal auf dem Basar erstandenes Mitbringsel oder als Schmuggelgut, mit dem sich viele Fürstenhäuser schmücken. Auf der ganzen Welt sind diese Zeugnisse einer vergangenen Kultur verstreut, liegen verstaubt in Vitrinen oder den Augen der Öffentlichkeit entzogen in den Räumen von Privatsammlungen.
    Zum Glück wurde diesem Handel beizeiten ein Riegel vorgeschoben, so dass eine wissenschaftliche Untersuchung und Ausstellung für die Öffentlichkeit möglich wurde.
    Die größte dieser Ausstellungen befindet sich natürlich im Ursprungsland dieser Stücke, und zwar in einem Gebäude, welches in Kairo am Tahir Square 1902 eröffnet wurde. Initiator dieses Museums war der Ägyptologe Mariette, dessen Grab sich heute noch im Garten der Anlage befindet.

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Es ist schon viel über die Rätsel geschrieben worden, welche uns die alten Ägypter hinterlassen habe. Erwähnt seien hier nur die verschiedenen Theorien über den Bau der Pyramiden in Gize [1], die drei Pyramiden als Abbild Bildhauer beim "Polieren" von Statuen des Orion auf der Erde [2], die Sägespuren in Hartgesteinen [3] und nicht zuletzt die Kernbohrungen, welche gehäuft vor allen in Abusir auftreten [4]. Diese Spuren sind schwer zu entdecken und werden vom normalen Touristen, auch aus Unkenntnis, nicht beachtet.
    Letzteres betrifft auch die Hinweise auf Bearbeitungstechnologien in Hartgesteinen, wie sie im Ägyptischen Museum in Kairo zu finden sind. Uns erstaunt immer wieder der Anblick der perfekt bearbeiteten Statuen von Pharaonen oder Hofbeamten, welche in Granit, Diorit oder Basalt ausgeführt sind. Die Ägypter bleiben uns allerdings eine Erklärung schuldig, wie diese Statuen zu solcher Vollkommenheit gebracht wurden. Einige wenige Hinweise finden wir im Grab des Rekmira in Theben West (Luxor) ,Grab Nr.100 . Dort werden Bildhauer beim "Polieren" von Statuen gezeigt (Foto links). Auch im Ägyptischen Museum findet man solche Darstellungen .

Moderne Steinsäge     Das Problem dieser Bearbeitungen ist die bis heute noch nicht nachgewiesene Technologie der Bearbeitung. Man kann Hartgesteine nur mit gleichen bzw. härteren Werkzeugen bearbeiten. Verwendet man Sand als Schleifmittel, ist es eine zeit- und vor allen materialaufwendige Prozedur. Heutzutage verwendet man zum Trennen solcher Gesteine mit künstlichen Diamanten besetzte Gatter- oder Seilsägen, wie sie im Bild rechts z sehen sind.
    Nun sind Diamanten in Ägypten zur Zeit der Herstellung dieser Statuen u.ä. nicht in diesen Mengen nachgewiesen. Sie wären wohl auch eher zur Schmuckherstellung benutzt worden als zur Verwendung für Werkzeuge.
    Als weiterer Werkstoff käme noch Korund in Frage, aber darüber soll hier nicht diskutiert werden. Ich möchte einige Beispiele aus dem Museum zeigen, anhand derer sich jeder ein Bild von der Problematik machen kann.

Sarkophag     Hinweise auf Bearbeitungsspuren finden wir selten an den Statuen in den Ausstellungsräumen. Interessante Objekte muß man suchen und auch mal mit der Taschenlampe in ein paar Ecken kriechen.
    Über das erste Artefakt ist schon in [5] geschrieben worden. Ich war bei seiner "Entdeckung" 1993 mit dabei, und betrachte ihn immer noch als eines der rätselhaftesten Objekte. Es handelt sich um einen Sarkophag, welcher fast fertig bearbeitet ist (im Bild links). Es sollte noch der Deckel vom Mißglückter Schnitt Sargkörper (Rosengranit) abgetrennt werden. Dabei ist etwas schiefgegangen und das gute Stück ist abgebrochen. Nun kann man an der Bruchstelle die Spuren der Schneidwerkzeuge betrachten. Am Anfang war ich noch der Ansicht, es ist etwas in der Art einer Kreissäge benutzt worden, allerdings bin ich heute der Meinung, dass eine Seilsäge wohl ebenfalls in Betracht käme. Wenn man den Schnitt betrachtet, fällt einen auch der unsaubere Verlauf auf, als hätte sich diese Panne schon im Vorfeld angekündigt (Foto rechts). Eine zeitliche Einordnung des Sarges fällt schwer, da keine nähere Bezeichnung außer der Katalognummer vorhanden ist. Auch fehlt eine Inschrift, mit der wenigstens Rückschlüsse auf das Datum der letzten Bearbeitung möglich wären.
    Hier noch die Maße des Sarges: 2,47 mal 1,27 mal 1,12 Meter, das entspricht einem Gewicht von ca. 9,5 Tonnen und abzüglich des Hohlraumes einem Endgewicht von etwa 6 t.

Schrein Kernbohrung Als nächstes möchte ich einen Schrein vorstellen, der im Bild links zu sehen ist und aus dem Mittleren Reich stammt. Dieser wird Sesostris I., 1971 - 1996 v.u.Z. zu geordnet. Das uns interessierende Merkmal ist eine Kernbohrung (Foto rechts), welche wahrscheinlich als Führung für eine Türangel gedacht war. Diese Bohrung hat eine Tiefe von 3 cm, einen Durchmesser von 3,5 cm. Zu beachten ist die Wandstärke bis zur Kante, diese beträgt 1, 5 cm. Es setzt eine sehr präzise Technik voraus, um eine Bohrung dieses Durchmessers zu fertigen, ohne dass der Rand ausbricht

Kernbohrungen sind ein in Ägypten oft vorkommendes Indiz für fortschrittliche Technik.
    Dabei handelt es sich um Bohrungen, welche nicht mit einem allseits bekannten Bohrer gefertigt werden, sondern hier dient ein Rohr als Bohrer, dessen eine Stirnseite mit Schleifkörpern beschichtet ist und das mit konstantem Druck unter Rotation in das Gestein getrieben wird. Nach Vollendung der Bohrung haben wir als Rückstand einen Kern, der in der Bohrung noch vorhanden ist und abgebrochen wird. Vergleichbar ist der Vorgang mit einem Glas, welches in z.B. Butter gedrückt wird. Zur Herstellung einer solchen Bohrung ist selbst heutzutage ein hoher Aufwand nötig. Es wird der Bohrer samt Maschine in einem Gestell befestigt, welches fest verankert wird um den Gegendruck zu bringen. Dann wird noch ein Kühlmittel für die Bohrkrone benötigt, in der Regel Wasser. Mit konstantem Druck und gleichzeitiger Rotation wird die Bohrkrone in den Werkstoff gedrückt. Dabei wird z.B. beim Durchbohren von Beton vorhandene Stahlarmierung mit durchtrennt, dank der diamantbesetzten Bohrkrone. Die Kernbohrung wurde 1876 von Alfred Brandt "erfunden", 1883 schreibt aber schon Mr. Flinders Petrie in seinen Buch: " The Pyramids and Temples of Gizeh " über solche Bohrungen auf dem Gizaplateau.
    Nach neuesten Erkenntnissen kommt nun ein weiteres Rätsel auf uns zu. Bei genauer Untersuchung der "Bohrrillen" in der Bohrung, stellte sich heraus, dass diese nicht kontinuierlich ihre Spuren hinterließen. Vielmehr variiert der Abstand von Rille zu Rille. Welchem Umstand dieses Ergebnis zu verdanken ist bleibt noch zu ergründen.

Sarkophag     Nun aber weiter im Ägyptischen Museum: Gegenüber dem Haupteingang des Museums befindet sich die sogenannte Armarnahalle, in der Stücke aus der Zeit Echnatons ausgestellt sind. In unmittelbarer Nähe zum Haupteingang finden wir eine Sarkophag aus Rosengranit (Foto links, im Vordergrund). Es handelt sich um ein Stück aus dem Neuem Reich, dem Pharao Psusennes I.
    Psusennes war ein Herrscher der 21. Dynastie, 1039 - 991 v.u.Z.. Sein Grab wurde 1939 und 1940 in Tanis (Nildelta) freigelegt. Die Entdeckung ist aber in den Wirren des 2. Weltkrieges nicht zu Ehren gekommen. Die Grabkammer war das bis dahin einzige unversehrt erhaltene Pharaonengrab; selbst das Grab des Tut-Anch-Amun mußte nach Plünderungen schon in antiker Zeit zweimal wieder versiegelt werden. Der Große Sarkophag aus Rosengranit barg einen schwarzen Granitsarg mit menschlichen Umrissen, der wiederum einen dritten, innersten Sarg aus Silber enthielt. Unter der Goldmaske, die das Gesicht bedeckte, war der Mumienleib stark verwest. Wie die noch lesbaren Kartuschen auf dem Deckel verrieten, hatte der äußere Sarkophag 170 Jahre zuvor im Tal der Könige in Theben ursprünglich den Leichnam Merenpthas, des Nachfolgers Ramses II., beherbergt. Der schwarze Granitsarg hatte einst einem hochrangigem Beamten der 19. Dynastie gehört. Das zeigt, dass die Gräber im Tal der Könige damals im Regierungsauftrag ausgeplündert wurden und man den Inhalt wiederverwendete. Der Ausstattung der Grabkammer kann mit der des Tut-Anch-Amun nicht konkurrieren, aber es finden sich auch hier einige bemerkenswerte Stücke.
Zapfung     Bei der Suche nach einer Zapfung an diesem Sarkophag wird man durch den links im Bild eingefangenen Anblick belohnt. Schaut man etwas weiter, findet man weitere sehr bemerkenswerte Zapfungen, welche in den beiden unteren Fotos zu sehen sind.
    Das Eindrucksvollste sind die dort zu findenden Kernbohrungen, welche durch die Präzision der Ausführung und durch ihre Größe beeindrucken. Deutlich ist zu sehen, dass diese Zapfungen herausgebohrt wurden. Der sichtbare Rest des Kerns hat einen Durchmesser von 10 mm, die Wandstärke des Bohrers beträgt 2 mm, der verwendete Bohrer war also gerade einmal 14 mm im Durchmesser. Welche Perfektion!

Kernbohrungen in einer Zapfung weitere Kernbohrungen in einer anderen Zapfung

    Nun wollte ich wissen, ob diese Spuren einzigartig waren und machte mich auf die Suche nach dem Basaltsarg. Zu finden ist er im 1. Obergeschoß neben der Schatzkammer des Tut Anch Amun (Foto unten links). Auch dort fanden sich Kernbohrungen (rechtes unteres Bild) - also kein Einzelfall!
Basaltsarg Kernbohrungen auch hier!

Beim diesjährigen Besuch des Museums im März wollte ich einige Aufnahmen verbessern und mußte feststellen, dass man den Sarg an eine andere Stelle in diesen Raum transportiert hat. Um nun die Kernbohrungen zu fotografieren, muß man sich in einen Spalt von 20 cm zwischen Sarg und Außenwand des Museums zwängen. Als ob einer geahnt hatte, dass dieser Sarg interessant ist und ihn deshalb verlagert hat.

"ausgebohrte" Schale Nicht weit entfernt findet man in einem der Räume, die rings um die große Halle angeordnet sind, diese Schale. Auch sie weist Spuren von Kernbohrungen auf. Es deutet darauf hin, dass sie auch dem Neuen Reich zuordenbar ist. Hier zeigt sich wieder der Informationsmangel in der Ägyptologie (siehe auch [6]). Es fehlt hier ein kompletter Katalog, zumindest der ausgestellten Fundstücke. Der im Museumsshop erhältliche Katalog zeigt nur einen Bruchteil der Stücke und glänzt mit den Paradestücken aus den Schätzen des Tut Anch Amun. Wäre es nicht ein herrliches Forschungsprojekt für angehende Ägyptologen einen Gesamtkatalog mit allen relevanten Daten zu den Fundstücken zu erstellen? Mit der heutigen modernen Technik wäre dieser auf einem Computersystem leicht zu erstellen und gleich auf CD-ROM zu pressen und zu verkaufen. Aber das bleiben wohl Zukunftsträume.

Basaltsarg Aber zurück zu den Bearbeitungsspuren: In der Nähe des berühmten Steins von Rosette befindet sich ein schwarzer Basaltsarg an einem Pfeiler befestigt. Beim flüchtiger Betrachtung zeigt er keine Besonderheiten (Foto links). Aber genauer besehen enthüllt er Erstaunliches. Die umlaufende Rille wird von kleinen rechteckigen Vertiefungen unterbrochen, die sehr aufschlußreich sind. Auf dem rechten Foto sieht man die vollendete Vertiefung (oben) und den Weg der Bearbeitung mit Hilfe von Kernbohrungen (unten). Es scheint dieselbe präzise Methode wie schon am Granit- und Basaltsarg des Psusennes verwendet worden zu sein. Vertiefung in der Rille...
...und Spuren ihrer Herstellung

Auf Grund der Häufigkeit dieser Bohrungen halte ich die Theorie, dass es sich um neuzeitliche "Probebohrungen" handelt, für nicht nachvollziehbar. Warum sollte man an Zeugnissen einer vergangenen Kultur solche Bohrungen anbringen? Für Probebohrungen wären doch wohl Gesteinsreste aus den Steinbrüchen besser geeignet.

Die hier gezeigten Beispiele sind bei weitem noch nicht alle Kernbohrungen, die man im Museum finden kann. Ich bin überzeugt, bei meinem nächsten Besuch im Dezember werde ich wieder neue Spuren entdecken...

Wenn man die oben beschriebenen und gezeigten Fakten berücksichtigt und bedenkt, dass dies alles aus der Zeit der Pharaonen stammt (denn dass all diese Bohrungen und Sägespuren erst in unserer Zeit angebracht wurden, halte ich für unwahrscheinlich), müssen wir unsere Ansicht über die technischen Möglichkeiten der Ägypter wohl revidieren. Ich möchte hier nicht die "Grauen Männchen" oder Außerirdische als Technologielieferanten beschwören.
    Aber man sollte in Betracht ziehen, dass das, was wir heute noch von Ägypten sehen, vielleicht die Reste einer modernen Zivilisation sind, die vordem am Nil (und nicht nur dort) existiert hat, und deren Erben die heutigen Ägypter sind (und wir letztlich auch!).

Ein Wort noch an die Wissenschaftler: Akzeptiert Vorstellungen und Ideen auch von Nichtakademikern, mögen sie noch so verrückt erscheinen, macht sie Euch zu eigen, so das sie mit Euren Ideen gemeinsam eine neue Qualität der Forschung bilden.
    Und vor allem: Schafft eine Möglichkeit, dass interessierte Laien an den Ergebnisse Eurer Arbeit teilhaben können, ohne erst Mitglied in einem Verein zu werden (z.B. Hobbyägyptologen e.V.) oder über unbegrenzten Reichtum zu verfügen, um sich Veröffentlichungen des Deutschen Archäologischen Institut (DAI) kaufen zu können, bei denen selten eine unter 100 DM zu erhalten ist. Tut das, was Euch Berufung sein sollte: Schafft Wissen, und das für alle !

Literatur:

  1. Goyon, Die Cheopspyramide
  2. Bauval, Gilbert, Das Geheimnis des Orion
  3. Hunold, Bearbeitungsspuren im Alten Ägypten
  4. Sollner, In Abusir stimmt was nicht! in Ancient Skies 1/93
  5. Groth, Artefakte im Ägyptischen Museum, in Ancient Skies 1/96
  6. Lorenz, Leserzuschrift in Kemet 1/99 S. 77
  7. Petrie, The Pyramids and Temples of Gize

© F.O. Hunold, 1999