Im den Monaten April und Mai des Jahres 1212
erschütterten seltsame Ereignisse Westeuropa - beinahe
gleichzeitig brachen im Loiregebiet, bei der Stadt Vendome und
in Köln Zehntausende Halbwüchsige beiderlei
Geschlechts auf, mit dem Ziel, das Heilige Land von den
Sarazenen zu befreien. Diese Bewegungen sollten später in
Geschichtsbüchern als "Kinderkreuzzüge" Erwähnung
finden. Über den deutschen Kinderkreuzzug liegen die glaubwürdigsten zeitgenössischen Dokumente vor. Initiator des Kreuzzuges war ein etwa 9 bis 10-jähriger Knabe namens Nikolaus, über dessen Herkunft das Dunkel der Geschichte liegt. Die meisten Chronisten halten ihn jedoch für einen jungen Adligen. Er predigte den Kinderkreuzzug im April 1212 vor dem Altar der Heiligen Drei Könige, deren Gebeine als Reliquien in Köln aufbewahrt wurden und werden. Nikolaus hatte offenbar ein beachtliches Rednertalent, war phantasiebegabt und besaß eine erstaunliche Suggestivkraft. Seine Predigten im damaligen Wallfahrtsort Köln hatten großen Erfolg. Nach einigen Tagen bereits hatte Nikolaus mehrere tausend Kinder um sich geschart, die bereit waren, mit ihm zu ziehen. Ziel des Kreuzzuges sollte die endgültige Befreiung Jerusalems und des Heiligen Landes sein, das sich 1212 zum überwiegenden Teil - wieder einmal - in den Händen der Sarazenen befand. Nikolaus hoffte auf göttlichen Beistand und versprach jenen, die unter seiner Führung zu marschieren gedachten, ein Wunder. Vor dem Kreuzzug der Kinder sollte sich das Mittelmeer teilen, so wie sich nach biblischen Berichten einst das Meer beim Auszug der Israeliten aus Ägypten teilte. "Trockenen Fußes" wollte Nikolaus mit seinen Streitern über das Mittelländische Meer marschieren, um Jerusalem zu erobern - dies wird von den Chronisten nachdrücklich betont. Nach übereinstimmenden Berichten machten sich Mitte Mai 1212 etwa 20 000 Menschen von Köln aus auf den Weg ins Heilige Land - vor allem Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren, aber auch Jugendliche, Erwachsene und sogar Greise. Dem Zug schlossen sich auch zahlreiche junge Kleriker an. Unter der Führung von Nikolaus zog dieses "Heer" ohne Ordnung rheinaufwärts und überquerte die Alpen in mehreren großen Gruppen. Für die überaus schwierige und gefährliche Alpenüberquerung, die das Kinderheer nur unter schwersten Verlusten zu bewerkstelligen vermochte, wurden sowohl der Mont-Saint-Cenis-Paß als auch der Sankt Gotthardt und der Brennerpaß genutzt. Nikolaus wählte für den Weg über die Alpen den unwegsamen Mont Cenis, mit ihm zog der größte Teil des Kinderheeres. Durch Wetterunbilden, Lawinen und Steinschläge verloren zahlreiche Kinder ihr Leben, andere starben infolge von Hunger oder vor Erschöpfung. Wie sehr das Kinderheer gelitten hatte, zeigt die Tatsache, daß schließlich nur etwa 7000 Kinder unter der Führung von Nikolaus am 25. August 1212 die Mittelmeerküste bei Genua erreichten. Bei dieser Stadt, die im Zusammenhang mit den vorangegangenen Kreuzzügen oft genannt worden war, sollte sich das von Nikolaus verheißene Wunder ereignen. Eine andere Gruppe von Kindern erreichte etwa zur gleichen Zeit das Mittelmeer bei Ancona. Aber weder dort noch bei Genua teilten sich die Wogen vor den betenden Kindern - das erhoffte Wunder blieb aus. Damit war das Rückgrat des deutschen Kinderkreuzzuges gebrochen. Viele Kinder versuchten nunmehr, nach Hause zurückzukehren, wenigen nur gelang das. Die übergroße Mehrzahl wurde von den Lombarden als billige Arbeitskräfte zurückgehalten, andere starben durch räuberische Überfälle, bei den zahlreichen Fehden oder durch Hunger und Krankheit. Jene, denen die Rückkehr nach Deutschland unter zahllosen Gefahren und unmenschlichen Strapazen schließlich dennoch gelang, wurden "mit Spott empfangen" - so schreibt ein Chronist. Etliche tausend Kinder folgten Nikolaus, der sein Unternehmen noch nicht verloren gegeben hatte, trotz allem weiter. Der dezimierte Kreuzzug erreichte Pisa. Dort gelang es mehreren hundert Kindern, auf zwei Seglern unterzukommen, die einige Tage darauf regulär mit Kurs auf das Heilige Land - Zielhafen Akkon - in See gingen. Das Schicksal der Schiffe und ihrer Besatzungen wurde nie ganz aufgeklärt, nur eine weniger zuverlässige arabische Quelle vermeldet, die Kinder seien bereits kurz nach Ihrer Landung unweit Akkons von berittenen Bogenschützen einer Abteilung des Heeres Sultan Al Adils aufgerieben worden. Nikolaus hatte es vorgezogen, nicht an Bord der pisanischen Schiffe zu gehen, sondern mit seinem auf etwa 1200 Kinder zusammengeschrumpften Gefolge weiter durch Italien zu ziehen. Dort löste sich der Marschzug mehr und mehr auf. Wer nicht in den Dörfern und Städten ein neues Zuhause fand, starb am Wegesrand infolge von Krankheiten oder wurde bei einem der häufigen Überfälle erschlagen, denn in Italien fochten zu dieser Zeit die verfeindeten Parteien der Staufer und Welfen einen blutigen Bürgerkrieg um die Thronfolge im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen aus. Den Kindern wurde allmählich klar, daß sie unter solchen Umständen niemals ihr Ziel erreichen würden. Die Überlebenden wandten sich gen Rom, um Papst Innocenc III. zu bitten, sie von dem Kreuzzugsgelübde zu lösen. Der Papst schob jedoch in den meisten Fällen die Erfüllung des Gelübdes nur bis zur Erreichung der Volljährigkeit auf. Kleinere Gruppen von Kindern gelangten Ende September 1212
bis nach Brindisi - dort ging das Unternehmen in Schmutz,
Schrecken und Niedertracht zu Ende. Ein Sklavenhändler, von
den Chronisten Friso, der Norweger, genannt, verkaufte die
Mädchen an Bordelle, während sich die Knaben auf den
Sklavenmärkten an der nordafrikanischen Küste
wiederfanden. Die Angaben zum Kreuzzug der französischen Kinder sind weniger zahlreich und auch in sich widersprüchlicher als jene zum deutschen Kreuzzug. Am ausführlichsten befaßt sich mit dem Thema der zeitgenössische Chronist Alberich de Trosfontaines, der jedoch kein Augenzeuge war, sondern seinen Bericht auf die Angaben eines angeblich nach 18 Jahren sarazenischer Sklaverei zurückgekehrten ehemaligen Kreuzzugsteilnehmers stützt. Stephan, der Führer des französischen Kinderkreuzzuges, stammte aus dem Dorf Cloyes im Orleanais, das nur einen kurzen Fußmarsch von Freteval entfernt liegt, wo 1194 König Philipp von Frankreich durch Richard Löwenherz besiegt wurde. Stephan, ein 12- oder 15-jähriger Junge - da sind die Chronisten uneins - stammte aus einfachen Verhältnissen.. Er mußt zu jener Zeit bereits als Hirte arbeiten, um den Lebensunterhalt der Familie sichern zu helfen. Stephan begann seine Kreuzzugspredigten in Vendome, einer Stadt nahe seines Heimatdorfes. Auch er war offensichtlich redegewandt und begeisterte binnen kurzer Zeit zahlreiche Halbwüchsige für seine Idee. Während Stephan mit einer kleinen Gruppe Jugendlicher nach Paris zog, um von König Philipp Schutz und Hilfe für das "gottgewollte Unternehmen" zu erbitten, sandte er andere Kinder aus, um in ganz Nordfrankreich, Lothringen und Burgund seinen Kreuzzugsaufruf unter den Kindern verbreiten zu lassen. Diese Art der Werbung erzielte beachtliche Erfolge. In Paris betrachtete man Stephan als echten "Seher". Er wurde vom König empfangen, dem er einen der damals häufig kursierenden "Himmelsbriefe" übergab. Der Hirt predigte in Saint Denis, der berühmtesten Abtei Frankreichs, wo auch die "Oriflamme", die Kriegsflagge des französischen Königsheeres, aufbewahrt wurde. Auch hier schlug Stephan mit seiner hellen, eindringlichen Stimme tausende Kinder in seinen Bann. Die Jugendlichen hielten regelrechte Prozessionen ab, bei denen stets ein Abbild der Oriflamme vorangetragen wurde - Begeisterung griff wie ein Lauffeuer um sich. Der Zulauf, den Stephan hatte, verblüffte sogar die Kreuzzugsprediger der geistlichen Orden. König Philipp untersagte jedoch den Kindern auf Anraten der Universität von Paris - zu jener Zeit unumstrittene Autorität auf dem Gebiet der Theologie - als reguläre Kreuzfahrer zur Befreiung Jerusalems auszuziehen. Dieses Verdikt kam jedoch zu spät. Stephan hatte sein Unternehmen offenbar gut vorbereitet. Er verließ Paris und kehrte mit einer ständig wachsenden Anhängerschar nach Vendome zurück, das er als Sammelplatz für sein Heer bestimmt hatte. Ende Juni 1212 dann befanden sich etwa 30 000 Kinder auf dem Marsch nach Marseille. Dort sollte sich das Meer vor ihnen teilen, versprach Stephan seinen Anhängern. "Trockenen Fußes" würden auch sie nach Jerusalem ziehen, um die Heilige Stadt kampflos den Sarazenen abzunehmen. Zwar versuchten die Behörden und teilweise auch der Klerus, die Kinder aufzuhalten, doch dies schadete der Bewegung nur wenig. Wie eine Lawine wälzte sich das Kinderheer voran, Stephan auf einem mit Teppichen ausgelegten Bauernwagen vornweg, umgeben von einer bewaffneten Leibgarde, bestehend aus etwa 50 adligen Kindern. Auch junge Kleriker schlossen sich dem Marschzug an. Unter der sengenden Sonne des heißen Sommers zogen die Kinder von Vendome aus über Tour, Bourges und Nevers nach Lyon. Von da ab folgten sie dem Lauf der Rhone flußabwärts bis nach Avignon. Es scheint auf dem Marsch verschiedentlich Zusammenstöße mit Truppen königlicher Vasallen gegeben zu haben, die versuchten, den Kreuzzug gewaltsam aufzulösen und hofften, dabei billige Arbeitskräfte und neue Leibeigne zu gewinnen. Aber auch Scharmützel mit Bauern, die ihre Felder mit der Waffe in der Hand gegen die ewig hungrigen Kinderscharen verteidigten, waren an der Tagesordnung. In Avignon stießen Stephans Kreuzfahrer auf Truppen, die gegen Okzitanien, das "Ketzerland" eingesetzt werden sollten. Sie waren unterwegs zur Verstärkung der Heere des Grafen Simon de Montfort und des Abtes Amalrich von Citeaux, die schon seit 1209 die ketzerischen Katharer im Süden Frankreichs mit "Feuer und Schwert" auszurotten versuchten. Hier wurde den Kinder bewußt, wie groß der Unterschied zwischen ihnen und den bewaffneten Kreuzfahrern war. Es wird berichtet, daß Troßknechte ihre Wagen rücksichtslos durch den Marschzug der Kinder lenkten und alles, was ihnen im Wege stand, einfach niederwalzten. Von Avignon aus zogen die Kinder durch das fieberträchtige, sumpfige Delta der Rhone nach Marseille. Als sie schließlich nahe der Stadt am Meer lagerten, hatten Fieber, Seuchen, räuberische Überfälle und gewaltsame Zusammenstöße auch Stephans Heer einen hohen Tribut gefordert. Es war auf die knappe Hälfte seiner ursprünglichen Stärke zusammen-geschmolzen, da viele Kinder den Strapazen des Marsches nicht gewachsen waren und zurückblieben. Die Überlebenden hofften auf das verspochene Wunder. Es bliebe aus. Gebete, Gesänge und fromme Choräle vermochten nicht, das Meer zu öffnen. Der Himmel schwieg - oder doch nicht? Ein paar Tage waren seit dem gescheiterten Versuch
vergangen, das Wunder herbeizubeten, als zwei Kaufleute aus
Marseille sich erboten, die Kinder "um Gottes Lohn" - also
umsonst - nach Palästina zu befördern. Hugo Ferreus
und Wilhelm de Posqueres besaßen Handelsniederlassungen in
Akkon und eine eigene Flotte - sie waren in Marseille bekannt
und geachtet. Sieben Schiffe stellten sie dem Kinderkreuzzug zur
Verfügung - 7000 sorgfältig ausgesuchte Kinder gingen
unter Stephans Führung an Bord. Es waren die
Gesündesten und Kräftigsten des Heeres. Die Schiffe
verließen Marseille Ende August, angeblich mit Kurs auf
das Heilige Land. Fünf Schiffe aber überstanden den Sturm und segelten nunmehr in Begleitung eines sarazenischen Geschwaders, mit dem sie am fünften Segeltag zusammengetroffen waren, nach Bougie an der algerischen Küste. Dort und später in Alexandria wurden die französischen Kinder, wie von Anfang an durch die Marseiller Kaufleute geplant, als Sklaven an die Araber verschachert. Nur wenigen Kindern soll es gelungen sein, jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Aus den spärliche historischen Quellen geht hervor,
daß sich die Bevölkerung der betroffenen Gegenden in
Bezug auf die Kinderkreuzzüge in zwei Lager spaltete.
Einerseits gab es fanatische Befürworter der Bewegung, die
in den Kinderheeren ein "göttliches Wunder" erblickten.
Nach dem Scheitern der Kreuzzüge gewannen jedoch rasch jene
Kräfte die Oberhand, welche dem Unternehmen von Anbeginn an
abwartend oder sogar ablehnend gegenübergestanden hatten.
Sie sahen sich jetzt in ihrer Meinung bestärkt, daß
es sich bei den kreuzfahrenden Kindern um ein Werk "boshafter
Zauberer", "Betrüger" oder sogar des "bösen Feindes"
gehandelt habe. Auf den ersten Blick erscheint es durchaus auch verlockend, hinter der Tragödie der Kinderkreuzzüge das Wirken einer ausgezeichnet funktionierenden verbrecherischen Organisation zu vermuten. Nicht umsonst brachte man die Assassinen, jede orientalische Geheimsekte, die durch politischen Mord Kreuzfahrer und Sarazenen gleichermaßen in Schach hielt, mit den Kinderkreuzzügen in Verbindung. Aber auch diverse Sklavenhändler wurden verdächtigt, Initiatoren der Kinderkreuzzüge gewesen zu sein - dieses Vorurteil trifft man bisweilen in der Gegenwart noch an. Für diese These sprechen zwar der fast identische Ablauf der beider Kreuzzüge, die sich inhaltlich gleichenden Predigten und Verheißungen von Stephan und Nikolaus und zumindest indiziert der Verlauf des französischen Kinderkreuzzuges den Verdacht, daß Unternehmen könne durchaus von Sklavenhändlern inszeniert gewesen sein. Gegen diese vordergründige Möglichkeit, die Verantwortung für den Tode zehntausender Kinder irgendwelchen dunklen Existenzen aufzubürden, sprechen organisatorische Fragen ebenso wie eine entscheidende Verschiebung der Zweck - Mittel - Relation. Es ist unbestritten, daß auf orientalischen Sklavenmärkten stets Bedarf an jungen hellhäutigen Sklavinnen und Sklaven bestand. Diese Nachfrage konnte jedoch auf weit unspektakulärer Weise als durch die Organisation der Kinderkreuzzüge befriedigt werden. Gelegentliche Plünderungsfahrten entlang der Küsten von Nord- und Ostsee brachten Piraten immer genug menschliche Beute - die Handelsbeziehungen dieser Korsaren reichten gemäß zeitgenössischer Angaben bis in den Mittelmeerraum. Einen Kreuzzug hingegen in der vagen Aussicht auf Erfolg zu organisieren, auf dieses Risiko dürfte sich kein Sklavenhändler je eingelassen haben. Zu beachten sind die riesigen Entfernungen, welche die Kinder auf unvorstellbar schlechten Verkehrswegen bewältigen mußten; weiterhin die Gefahren, welche ihnen von der Natur, aber auch der Bevölkerung der durchzogenen Landstriche drohte, nicht zuletzt auch die durchaus denkbare Möglichkeit, daß die Energie des Unternehmens vorzeitig erlahmen könnte, die Kinder als niemals die Mittelmeerküste und damit die in den bezeichneten Häfen wartenden Sklavenschiffe erreichen würden. Die Unhaltbarkeit der hier kurz skizzierten "Sklavenhändlerhypothese" wurde auch von den meisten Historikern erkannt. Daraus ließe sich schlußfolgern, daß die Kinderkreuzzüge "aus sich heraus" entstanden sein müßten. Diese Ansicht erscheint m. E. ebenfalls inakzeptabel. Es mag mit Verheißungen und unter Ausnutzung eines zeitgenössichen Wunderglaubens redegewandten, führungsbegabten Personen gelingen, Jugendliche um sich zu scharen. Eiine andere Sache aber ist es, ohne wirtschaftliche und finanzielle Mittel, ohne militärische Erfahrung und ohne ausreichende geographische Kenntnisse eine Idee wie die des Kinderkreuzzuges in die Tat umzusetzen. Da das Unternehmen erst zu einem relativ späten Zeitpunkt scheiterte - als sich das verheißene Wunder nicht ereignete - kann davon ausgegangen werden, daß eine gewaltige moralische Kraft die Kinder vorwärtstrieb, welche wohl aus der Überzeugung von der absoluten Richtigkeit und dem garantierten Erfolg ihres Unternehmens herrührte und sie alle Strapazen und Gefahren des langen Marsches erdulden ließ. Genährt wurde die Gewißheit des Erfolges von den Anführen der Kreuzzugsbewegung. Stephan und Nikolaus mußten also felsenfest
überzeugt sein, als von Gott Erwählte diesen Kreuzzug
zu führen. Woher aber rührte dieses
Sendungsbewußtsein? Die Ursache dafür wird in jenen
Ereignissen zu suchen sein, welche die Kinder bewogen, ihre
Mission zu beginnen. Nicht zu vernachlässigen ist die zu
dieser Zeit in Westeuropa herrschende Kreuzzugshysterie,
einerseits hervorgerufen durch die Albigenserkreuzzüge seit
1209 in Frankreich, andererseits durch die Anstrengungen des
Klerus, zur Unterstützung der schwer bedrängten
Kreuzfahrerstaaten in Palästina einen neuen Kreuzzug zu
organisieren. Insofern kommen die bereits zitierten
"Auswirkungen des religiösen Fanatismus" zwar in Betracht -
doch fehlte es an einem auslösenden Moment für die
Kinderkreuzzüge. Im Frühling des Jahres 1212 versetzten eigenartige Lichterscheinungen am nächtlichen Himmel die Bevölkerung Westeuropas in Verwunderung und Schrecken. Allgemein hielt man diese atmosphärischen oder kosmischen Phänomene für Vorboten des Jüngsten Gerichts. Diese Empfindungen teilten sich auch Stephan mit. Außerdem hatte er im Mai 1212 ein beunruhigendes Erlebnis. Während Stephan auf den Feldern bei Cloyes seine Schafe hütete, trat ein Fremder zu ihm und bat ihn um Nahrung. Beide teilten sich Stephans karge Mahlzeit. Dabei berichtet der Fremde über seine Erlebnisse im Heiligen Land, aus dem er angeblich gerade zurückgekehrt sei. Beim Zuhören festigte sich Stephans Vermutung, der Fremde sei in Wirklichkeit Jesus von Nazareth. In der Tat gab sich Stephans Gesprächspartner wenig später als Christus zu erkennen. Er übergab dem Jungen einen Brief an den König von Frankreich - den bereits erwähnten "Himmelsbrief" - und drängte ihn, "einen Kreuzzug der Kinder trockenen Fußes über das Meer zu führen". Dieses Unternehmen werde Erfolg haben, wo stolze Barone und erfahrene Krieger versagt hatten. Stephan glaubte sich nunmehr von Gott erwählt und begann seine Kreuzzugspredigt. Ähnliches widerfuhr Nikolaus von Köln. Fraglich ist die Identität des Fremden. Für
religiöse Interpreten bestehen keine Zweifel - es war
Christus oder aber er Teufel in seiner Gestalt. Geht man aber
davon aus, daß der Fremde keine übernatürliche
Manifestation, aber auch keine Phantasiegestalt eines
überspannten Halbwüchsigen war, so stellt sich die
Frage nach seiner Motivation. Anders sieht es freilich aus, wenn man den Fremden tatsächlich als Werkzeug einer Macht betrachtet, der an der Entstehung der Kinderkreuzzüge gelegen war. Eine Macht, die Menschenmassen nach ihrem Belieben mobilisieren und gegen vorbestimmte Ziele zu lenken vermochte. Eine Macht, die über genügend Einfluß und Verbindungen verfügte, um ihre Vorhaben realisieren zu können und der an einer neuen Kreuzzugsbegeisterung in Europa gelegen war. Es gab nur eine solche Macht zu jener Zeit - die katholische
Kirche selbst. Die Idee, Kinder für einen neuen Kreuzzug aufzubieten, mußte nicht zwangsläufig aus Rom kommen. Es genügte, daß der Prior eines Klosters oder ein Bischof den entsprechenden Plan faßte. Höchstwahrscheinlich stand jedoch die Macht eines geistlichen Ordens hinter den Kinderkreuzzügen. Darauf deutet der gleichzeitige Beginn der Kreuzzugspredigten in Frankreich und Deutschland hin. Möglicherweise ging die Idee des Kinderkreuzzuges von kritischen Kräften innerhalb des Zisterzienserordens aus. Diese Vermutung liegt nahe, da den Zisterziensern zu jener Zeit vorrangig die Verbreitung der Kreuzpredigt oblag, aber auch, da nicht wenige Mönche des Zisterzienserordens den Kreuzzug gegen die südfranzö-sischen Katharer mißbilligten, da sie darin eine Aufsplitterung der dringend für die Kreuzfahrerstaaten in Palästina benötigten Verstärkungen erblickten. Was lag also nach dem Verschleiß aller bisherigen
Werbemethoden näher, als für einen neuen Kreuzzug auch
einen neuen Ansporn zu benutzen. Die Unmündigen,
Unschuldigen, die wehrlosen Kinder, die unbewaffnet aufbrachen,
um das Heilige Land zu befreien - sie sollten durch ihr Beispiel
die Erwachsenen beschämen und zu einem neuen Kreuzzug
mitreißen. Möglichen Fragen begegnet man mit der bis heute - leider recht erfolgreichen Taktik des Totschweigens. Weiterhin spricht für die hier vorgetragene These, daß sich sowohl dem französischen als auch dem deutschen Kinderkreuzzug zahlreiche - vor allem junge - Kleriker anschlossen. In ihren Händen lag wohl die eigentliche Leitung des Unternehmens - sie lenkten Worte und Taten der "Propheten" Nikolaus und Stephan. Auch ein Ausspruch Papst Innocenc III. läßt erahnen, daß die Kinder in Wirklichkeit von Roms verlängertem Arm dirigiert wurden. Der Papst soll beim Erhalt der Kunde von den Kinderkreuzzügen gesagt haben: "Diese Kinder beschämen uns. Während wir schlafen, ziehen sie fröhlich aus, das Heilige Land zu erobern!" Dem dürfte nichts hinzuzufügen sein. Literaturverzeichnis
© Thomas Ritter, 1995
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