Dirk Henry Klipphahn
Der Voodoo-Kult
 

VOODOO - hört man dieses Wort in unserem - ach, so christlichen - Abendland, verbindet man dieses nur mit einem blutigen, barbarischen Kult. Versucht man jedoch tiefer in diese nach archäologischen Funden mindestens 4.000 Jahre alte Kultur einzudringen, muß man erkennen, daß der Voodooo-Kult eine äußerst komplexe Religion darstellt. Die Wurzeln des Voodoo liegen in Westafrika, etwa dort, wo heute die Länder Liberia und Benin zu finden sind.
Es ist für einen Europäer äußerst schwierig, in die Geheimnisse des Kultes vorzudringen. Entwickelt man allerdings die Akzeptanz, sich unvoreingenommen damit zu beschäftigen, stößt man auf erstaunliche Parallelen zu anderen, uns näherliegenden Religionen.

Das Wort Voodoo bedeutet in der Fon-Sprache (ein Stamm des Benin): "Das, was man nicht ergründen kann", "Die Kraft, die wirksam ist", "Gott" oder "Geist".
Das Voodoo ist eine animistiche Religion, die von dem Glauben ausgeht, daß die Natur von Göttern und Geistern beseelt ist. Es existieren keine religiöse Vorschriften oder schriftlichen Grundlagen für die Ausübung der verschiedenen Rituale, wie das z.B. im Christentum oder dem Islam der Fall ist. Der Kult hat zur Zeit etwa 50 Millionen Anhänger in Westafrika.

Nach dem Weltbild des Kultes hat sich "das Universum selbst verursacht und schafft sich permanent neu". Diese Aussage ist auch in anderen Religionen Grundlage der Weltanschauung und sollte durchaus von den etablierten Wissenschaften ernstgenommen werden.
Als Ursache für die Schaffung des Universums wird Gbedoto angesehen. Diese Wesenheit kann nicht genau definiert werden, stellt aber keine Gottheit im eigentlichen Sinne dar. Die Schaffung des Universums geschieht mit Hilfe einer Energie, die Acé genannt wird. Unwillkürlich drängt sich einem der Vergleich zu dem fünften Element der Alchemie auf: Neben Erde, Feuer, Wasser und Luft gibt es dort den Äther. Im heutigen physikalischen Weltbild existiert diese Kraft nicht, da sie angeblich nicht meßbar wäre. Allerdings gibt es Wissenschaftler wie Nikola Tesla, die da anderer Meinung sind und auch in der heutigen Physik hat der Äther teilweise zumindest wieder den Status einer Arbeitshypothese gewonnen.

Die Götterwelt des Voodoo ist ein Pantheon mit über 260 Gottheiten. An deren Spitze steht der Schöpfergott, der sich in den Wesenheiten Mawu und Lissa verkörpert. Dies beiden stellen das männliche und weibliche Prinzip dar. Der Schöpfergott kann also als hermaphroditische Gottform angesehen werden. Dies ist ein weiterer Hinweis auf eine geistige Verbindung mit den Künsten der Hermetik in Europa, die den Hermaphroditen ebenfalls als den Ursprung der Schöpfung ansehen.
Die Abkömmlinge des Schöpfergottes und des Acé sind die Götter des Voodoo. Mawu/Lissa hatten nach der Mythologie der Voodoosi 14 Kinder, aus denen die zahlreichen anderen Götter des Voodoo-Pantheons hervorgingen.
Diese Götter dienen, ebenso wie die Ahnen der Verstorbenen, den Menschen als Mittler zwischen ihnen und dem Schöpfergott.

Für die Eingeborenen in Westafrika gibt es keine strenge Trennung zwischen Leben und Tod, die sie als die "Sphären der sichtbaren und unsichtbaren Welt" ansehen.
Ähnlich den Erhaltungssätzen der Physik wird das Universum als geschlossenes Sytem angesehen, in dem nichts verschwindet. Die Götter und Geister der Ahnen greifen so auch direkt ins Leben der Menschen ein.

Interessant ist eine Legende des Stammes der Fon aus dem Benin:

Die Voodoo-Götter wurden vor Urzeiten ins Land geholt, weil dieses im Chaos versank. Man erhoffte sich Rettung von den Göttern. Besonders bemerkenswert ist, daß in der Zeit des Chaos "Frauen Ziegenböcke zur Welt brachten und Ziegen Menschen gebaren." Man sollte sich in diesem Zusammenhang die Darstellungen von Zwitterwesen aus dem vorderen Orient und Ägypten in Erinnerung rufen.
Auch von Naturkatastrophen ist in den Legenden die Rede. Allerdings wurden in Westafrika die Götter als Beschützer vor diesen Katastrophen gerufen und nicht als Verursacher selbiger angesehen. Vielleicht ist dies auch ein Hinweis auf Konflikte der verschiedenen göttlichen Wesen untereinander, die vor Urzeiten unseren Planeten annektiert hatten. Die Voodoo-Götter wurden gerufen, um das Gleichgewicht der Natur wiederherzustellen. Erst durch das Eindringen des Christentums in Afrika wurde dieses Gleichgewicht wieder zerstört.

Als Deutung der Zeichen der Götter wird im Voodoo ein Orakel befragt, das als Botschaft der Götter verstanden wird. Dieses Fa-Orakel besitzt den gleichen Stellenwert wie etwa im Judentum die Thora.
Es besteht aus zwei Schnüren mit jeweils 8 Nußschalen oder Muscheln. Aus diesen 16 Grundzeichen können 256 Zeichen kombiniert werden. es ist damit als durchschnittlich in seiner Komplexität zu betrachten. Das I-Ging Orakel umfaßt nur 8 Grundzeichen wohingegen es bei der Verwendung von Runen-Orakeln deutlich mehr sind.

Das eigentliche Ritual des Voodoo besteht aber darin, durch Trancezustände in Verbindung mit den Göttern zu treten. Dies geschieht in der Regel durch einen Tanz, in dessen Verlauf die Tänzer in einen ekstatischen Zustand verfallen und von einer Gottheit besessen sind.
Bei dem Ritual für den Kriegsgott Kokou schneiden sich die in Trance gefallenen Männer Arme und Brust mit Glasscherben oder Messern auf. Dabei empfinden die Beteiligten offenbar keinerlei Schmerzen. Als Vorbereitung auf diese Zeremonie reiben sich die Teilnehmer mit einer Paste aus Palmöl, Maismehl und Kräutern ein, die ihre Kräfte verstärken soll, um in die göttliche Sphären vorzudringen. Nach Angaben der Eingeborenen enthält diese Paste keine Drogen. Ich möchte diese Aussage allerdings bezweifeln. Bei Aldous Huxley z.B. werden ähnliche Trancezustände und das Vordringen in "Göttliche Sphären" unter Zuhilfenahme von Meskalin oder LSD beschrieben. Ähnliche Formen der Kontaktaufnahme mit der Geister- und Götterwelt sind auch von Schamanen in Südamerika oder Sibirien bekannt.

Durch die Versklavung der schwarzafrikanischen Stämme kam die Religion des Voodoo nach Süd- und Mittelamerika. In Brasilien ist es heute der Umbanda oder Candomble-Kult, in Kuba der Kult Santeria.

Aus eigener Erfahrung möchte ich nun eine Zeremonie beschreiben der ich persönlich beigewohnt habe. Durch intensive Recherchen bekam ich Verbindung zu einem in Deutschland praktizierenden Eingeweihten des Santeria-Kultes, der hauptsächlich in Kuba beheimatet ist.
Um die an diesem Ritual beteiligten Personen zu schützen möchte ich hier weder Namen noch Anschrift der Beteiligten nennen. Die Ausübung dieses Kultes wird in Deutschland, übrigens im Widerspruch zum Grundgesetz, verfolgt.

Es handelte sich bei diesem Ritual um die Austreibung eines "bösen Geistes". Diese Besessenheit bestand darin, daß der Klient drogenabhängig war: abhängig von Kokain, LSD oder anderen bewußtseinserweiternden Substanzen. Der Santeria-Priester brachte als erstes seinem Fetisch, einer hölzernen Figur, ein Opfer dar. Dieses Opfer beinhaltete die Schlachtung eines Tieres, in diesem Falle eines Hahnes, und der Besprühung des Fetisches mit hochprozentigem Rum. Der Voodoosi nimmt dabei den Rum in den Mund und besprüht den Fetisch damit. Nach diesem Opferitual versetzte sich der Priester in eine Art Trancezustand. Nach kurzer Zeit fiel auch der Klient in einen ähnlichen Trancezustand. Der Voodoosi nahm in der Zwischenzeit Kontakt zu dem Geist des Klienten auf und betrachtete die ihn angreifenden Wesenheiten. Er zerstörte die Verbindung zwischen den negativen Elementen und dem Geist des Klienten; er baute eine Art Barriere zwischen diesen auf.
Ergebnis dieser Zeremonie war, daß der Klient seine Abhängigkeit von Drogen verlor und er in der Lage war, die Wirkung dieser Droge zu kontrollieren.

Der interessanteste Aspekt ist der, daß der Voodoo-Priester offensichtlich in der Lage ist, eine Verbindung zu einer geistigen Welt aufzubauen. Wenn dem so ist, erscheint es nur logisch, daß der Mensch nicht nur körperlich existent ist, sondern auch als Seele und Geistwesen existiert. Jeder, der sich mit Hermetik beschäftigt hat, wird diese Sicht der Dinge als ganz normal ansehen. Wenn diese Naturvölker in der Lage sind, die beschriebenen Zustände von Vergeistigung zu erreichen, warum fällt es uns "fortschrittlichen" Menschen doch offensichtlich so schwer? Wo liegt die Ursache dafür, daß dies nur noch sehr wenige können?

Durch die Einsetzung des Materialismus als "einzige wahre Religion" haben es gewisse Kreise geschafft, den Menschen sich selbst so weit zu entfremden, daß er sich selbst nur noch als rein körperlich existent sieht. Ohne die Erkenntnis der Naturwissenschaftler, daß die Grundvoraussetzung für die Ausübung ihrer Tätigkeit die Wissenschaft des Geistes ist, werden wir nie den Zustand der Erkenntnis erreichen, den sich der Mensch seit Anbeginn der Zeiten als Ziel setzt.
Solange Theologen oder Religionswissenschaftler es ablehnen, sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur auseinanderzusetzen, wird es uns nie möglich sein, den Sinn der Existenz des Menschen zu erkennen. Die Verurteilung des Voodoo und anderer unverstandener Religionen führt zu einer Dogmatisierung von Weltbildern, die der Entwicklung der Menschheit riesigen Schaden zufügt.

Es ist wünschenswert, daß sich in Zukunft genug Freigeister finden, die diesem fatalen Verfallsprozess Einhalt gebieten und sich zu einer Einheit zusammenfinden, die es uns ermöglicht, die Mauern, zwischen denen wir gefangen sind zu zerstören.

Diejenigen, die sich intensiver mit dem Voodoo-Kult auseinandersetzen möchten, verweise ich an die Autoren des Buches "Voodoo", Henning Christoph und Hans Oberländer, die mich mich zu diesen Ausführungen inspiriert haben.


© Dirk Henry Klipphahn, 1998